Massenunterhaltung für Vorkriegszeiten

An martialischer Weltkriegs- und Weltuntergangsunterhaltung herrscht kein Mangel, auch nicht an Feindbildern, die das Fest des Friedens verschönern. Buchtipps zur Weihnachtszeit

Polit-Thriller zum Weltuntergang, zur Stilisierung westlicher Politiker als furiose Rambo-Typen oder als Moralistinnen, die nur im äußersten Notfall auf den roten Knopf drücken: Die Massenunterhaltung zur Vorkriegslage wirkt wie bestellt.

Seit Antritt der neuen Bundesregierung vergeht fast kein Tag, an dem nicht das aggressive Potenzial Russlands oder Chinas beschworen und das Publikum vor einer drohenden Kriegsgefahr, nuklearer Schlagabtausch inklusive, gewarnt wurde.

Und das nicht nur in der Bild-Zeitung, die den „Killer“ Putin (Joseph Biden) als lupenreinen Bösewicht in Szene setzt, sondern auch im „Qualitätsjournalismus“, der mal auf ältere Skandale (Skripal) des „autokratischen“ Moskauer Regimes anspielt oder sie zugunsten neuerer Anwürfe (Ukraine-Putsch, Truppenaufmarsch) fallen lässt, zwischendrin auch mal bekannt gibt, dass eigentlich keiner einen neuen Kalten Krieg, geschweige einen heißen will – und Russland sich ihn sowieso nicht leisten kann.

All das wird außerdem noch ins Unterhaltungsformat gepresst, und zwar von einem Betrieb, der sich regelrecht als Agentur der politischen Klasse in Europa oder den USA aufführt. Als „Politainment“ kennt das der politologische Fachmann: Politik muss im Medien- und Internet-Zeitalter als unterhaltsames Angebot für die Staatsbürger verpackt werden.

Politiker nehmen sich auch selber dieser Notwendigkeit an, beeindrucken die Regierten durch „mitreißende Narrative“ oder inszenieren ihre Auftritte bis ins letzte Detail, während TV-Clowns wie Selenskij oder Trump ins Politfach wechseln und dort unmittelbar den Unterhaltungswert steigern.

Romane, Filme und TV-Serien docken hier an. Ihre Macher nehmen keine Distanz zur Politik ein. Sie kommen aus dem Politbetrieb, wie das Ehepaar Clinton, das in Kooperation mit käuflichen Schreibkräften seine Kriminalromane unters Volk bringt, oder wie der pensionierte US-Admiral Stavridis, der zuletzt mit seinem Weltkriegs-Roman 2034 Furore machte (siehe: „Massenvernichtung und Weltuntergang als Nervenkitzel„).

Oder sie bewegen sich wie der Europäer Ken Follett in dem einen oder anderen inner circle der Regierungsparteien, kennen die Menschen hinter der öffentlichen Fassade und wollen die hier verborgene Menschlichkeit – sofern die Betreffenden im richtigen Lager stehen – dem Publikum nahebringen.

Fabelhafter Realismus

Ken Follett, der Weltmeister der aneinander gehefteten Plattitüden und Stereotype, der schon in den Zeiten des Kalten Kriegs mit seinen Ost-West-Schablonen stets blitzschnell zur Stelle war, hat sich nicht lumpen lassen und seiner Romanfabrik, nachdem sie den Ersten und Zweiten Weltkrieg verwurstet hatte, einen neuen Auftrag erteilt: den letzten Krieg, die „letzte Entscheidung“, die bis zur nuklearen Katastrophe eskaliert, als Abenteuer für die globale Lesegemeinde zu gestalten.


Ken Follett
Never – Die letzte Entscheidung

880 Seiten, 32,00 €
ISBN: ‎ 978-3785727775


Folletts Roman ist – wie Stavridis/Ackermans Thriller 2034 – eine Warnung vor dem Atomkrieg. Er ist der Nachvollzug eines Weltuntergangs-Szenarios, das einerseits auf militärisch-politischer Expertise beruht, wobei Folletts Kontakte in die britische Politik, wie er selber angibt, eine Rolle gespielt haben dürften; das aber andererseits durch die Ausmalung eines Feindbildes der (vor allem:) chinesischen Seite einen irrealen Charakter erhält, einem Schauerstück und einer moralischen Lehrstunde gleich kommt.

Denn das weltpolitische Tableau wird hier in ein Panoptikum von Charakterzeichnungen überführt, wo Hassgefühle und Karrieregeilheit mit der ernsthaften Sorge ums Wohlergehen der Nation im Widerstreit liegen, was dann auch noch fein säuberlich auf die einzelnen Romanfiguren verteilt wird.

Anders als im Kriegshelden-Spektakel 2034 wird bei Follett die Ebene verschoben – weg vom militärischen hin zum politischen Entscheidungsprozess und der dafür nötigen geheimdienstlichen Informationsbeschaffung.

Die realistische Pose wird natürlich gleich durch die Romankonstruktion dementiert: Folletts Weltpolitik besteht nur aus zwei Akteuren, nämlich den USA und der VR China (ergänzt um ihre jeweiligen Anhängsel, hier Südkorea und, in zweiter Linie, Japan, dort Nordkorea).

Wie bei Stavridis wird das Eskalationsgeschehen – zur übersichtlichen Gestaltung eines Showdowns und zur einfacheren moralischen Wertung – auf diese beiden Protagonisten verteilt. Die Nato existiert bei Follett nicht, Europa bzw. die EU als Akteur auch nicht, selbst England, die Heimat des Autors, wird zusammen mit Russland nur an zwei, drei Stellen kurz erwähnt.

Afrika (Tschad, dann Sudan und Libyen) kommt vor, Frankreich ebenfalls, weil Schauplatz eines Kurzauftritts (und weil der fesche französische Agent die Dame vom CIA beeindruckt, sodass auch noch eine Geheimdienst-Liebesgeschichte beigesteuert wird).

Natürlich wunderte sich auch die Literaturkritik, die dem schreibwütigen Erfolgsschriftsteller in der Regel Bewunderung zollt, über solche Auslassungen. Doch das geht dann als literarisches Mittel im „Duell der Großmächte“ durch:

Den Sog und die dramaturgische Finesse des Romans mindert all dies indessen nicht.

General-Anzeiger, 12.11.21

Denn angeblich bewegt sich das Geschehen „mit glaubwürdig realistischen Trippelschritten dem Rand des Abgrunds entgegen.“ (General-Anzeiger) Schon seltsam, dass die Finesse darin bestehen soll, das Bild holzschnittartig zu vergröbern und aus vielen Trippelschritten ein Ping-Pong-Spiel zwischen einer nachvollziehbar moderaten US-Politikerin und einem Klüngel kommunistischer Politfunktionäre zu machen.

Bei Stavridis, der ein ähnlich irreales Szenario benützt, gibt es dazu den Witz, dass aus der Statistenrolle des restlichen Globus in letzter Minute eine Art Wiedergeburt der Blockfreien-Bewegung erfolgt.

In Folletts Roman ist klar: Es geht nicht um Realismus, sondern um eine Lektion. Das plaudert der Autor auch in Interviews hemmungslos aus – mit einem derart gesundem Menschenverstand, dass es einem die Socken auszieht.

So fragte der Merkur den weltweit anerkannten Autor, dessen Bücher immer „zuverlässig an der Spitze der Bestseller-Listen landen“: „Wie verhindert man weltweite Krisen?“

Die Antwort: „Im vertraulichen Gespräch und nicht mit populistischen Aktionen und mit martialischer Rhetorik wie beispielsweise beim Fischstreit zwischen England und Frankreich.“

Dem Interviewer, dem der Vergleich mit dem banalen Streitfall dann doch etwas deplatziert erschien, wollte sich mit solchen Plattitüden nicht abspeisen lassen, worauf Follett konterte:

Es ist eben ein Beispiel – das, was da passiert, sollte heute gar nicht mehr möglich sein. Unser Premier oder Macron könnten doch sagen: „Wir wollen doch deswegen keinen Streit eskalieren lassen. Setzen wir uns zusammen und finden eine Lösung.“ Ich meine, es geht doch nur um Fisch!

Lernziele fürs Fußvolk der Weltpolitik

Wenn es nicht um Fisch, sondern um die Macht geht, wird es etwas heikler. Never ist eine Fabel über „zwei Tiger“, die „sich nicht den gleichen Berg teilen“ können – wie im vorangestellten Motto erklärt wird.

Worauf der Roman politisch hinaus will, muss man nämlich gar nicht mit interpretatorischem Aufwand ermitteln. Der Vorspruch des Buchs (Follett, S. 5) teilt gleich alles mit.

Der Autor habe bei den Recherchen für die vorausgegangene Weltkriegstrilogie zu seinem Erschrecken festgestellt, „dass niemand den Ersten Weltkrieg gewollt hatte. Auf keiner Seite wünschte sich ein europäischer Machthaber einen derartigen Konflikt…“ – und trotzdem hätten die Staatenlenker „eine Entscheidung nach der anderen getroffen, von denen uns jede einzeln einen kleinen Schritt näher an den furchtbarsten Konflikt brachte, den die Welt erlebt hatte.

Und ich fragte mich: Könnte so etwas wieder passieren?“ Der Erste Weltkrieg war also „nur ein tragischer Unfall“ und Follett treibt die Sorge um, dass der Dritte wieder auf diese Weise in die Welt kommen könnte.

Wie Folletts langatmiges Opus diesen Anspruch im Einzelnen einlöst, kann man kaum als spannend bezeichnen. Es geht um Ideenkino, um das Ausmalen politischer Ideal-, Negativ- oder Problemfiguren. Der human touch ist da, doch selbst Folletts Lobredner müssen zugeben, dass er „dem Schnittmusterbogen des Trivialromans“ (General-Anzeiger) folgt.

Anrührend und fesselnd ist im Grunde genommen nur ein Handlungsstrang, der die verzweifelte Migrationsgeschichte einer Afrikanerin aus dem Tschad in Richtung Europa nachzeichnet. Gäbe es ein paar aufklärende Worte zu den politischen Gründen dieses Schicksals, könnte man von einer sozial- und EU-kritischen Nachdenklichkeit sprechen. Das vorgestellte Schicksal soll aber nur ein Farbtupfer im Globalisierungsgemälde sein, eine herzerwärmende Erinnerung an schwere Schicksale.

Darauf verstehen sich schreibende englische Politiker schon seit 200 Jahren, seit dem viktorianischen Roman – siehe Lord Bulwer-Lytton – werden gern sentimentale Elendsbilder von Witwen und Waisen gezeichnet, um auf die Tränendrüse zu drücken und Reflexion durch Mitleid zu ersetzen.

Jenseits der schwachen Unterhaltungsqualität muss man aber die Dummheit und imperialistische Dienstbeflissenheit dieses romanhaften Aufklärungs-Programms festhalten, das ja immerhin mit Kassandra-Rufen vor einer unvorstellbaren Katastrophe, dem nuklearen Holocaust, warnen will.

Lernziel 1: Krieg als Betriebsunfall. Die These vom Krieg, den keiner wollte, hat der Historiker Christopher Clark 2014 im Gedenkjahr des Ersten Weltkriegs aufgestellt – und sie ist dann in Deutschland und Europa Allgemeingut geworden.

Follett schließt sich einfach dieser Deutung an; dass seine eigenen Recherchen zu dieser Einsicht geführt hätten, ist natürlich Quatsch. Wenn man den damaligen Entscheidungsprozess Revue passieren lässt –

Dasselbe gilt für die fiktive Eskalationsspirale in Never –, wird das Gegenteil deutlich: Schritt für Schritt tun die Verantwortlichen mit klarem Verstand all das, was die damalige wie die heutige Großmachtkonkurrenz in einen militärischen Konflikt überführt, die Mittel dazu häufen sie sowieso Tag für Tag an.

Und der Romanautor will mit seinem „Talent, Politik zu personalisieren“ (General-Anzeiger), ja gerade die Rolle der Dramatis Personae herausstellen, die mit Willen und Bewusstsein handeln.

Nebenbei: Man fragt sich, was man eigentlich vom Fortgang der Geschichte im 20. Jahrhundert halten soll. Dem ersten, diesem laut Follett „furchtbarsten Konflikt, den die Welt erlebt hatte“, folgte ja ein Zweiter. War er weniger furchtbar? War auch Hitler ein Schlafwandler? Und der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki – ebenfalls ein Betriebsunfall, für den keiner etwas konnte?

Lernziel 2: Ehrenhafte Motive, schlimme Folgen. In Never wird, wenn man dem in den Chefetagen der Politik angesiedelten Handlungsstrang folgt, genau der Wille zum – finalen – Atomkrieg vorgeführt. Die Tochter der amtierenden US-Präsidentin fragt ihre Mutter, ob sie wirklich gewillt sei, auf den Roten Knopf zu drücken, und Pauline Green, die Präsidentin, die „Herzenswärme und kühlen Kopf besitzt“ (General-Anzeiger), verdeutlicht ihrer Tochter diese Notwendigkeit (Follett, S. 653ff): Wenn alle anderen friedlichen und konventionellen militärischen Mittel erschöpft sind, muss sie es tun.

Die Tochter: „Wenn all diese Bedingungen erfüllt sind, dann würdest du das Ende der Menschheit riskieren, ja?“ Die Mutter bekennt Farbe: „Pauline glaubte nicht, dass das so schlimm sein würde, aber es war schlimm genug, und sie wollte auch nicht darum herumreden. ‚Ja, das würde ich…'“ Dass es nicht „so schlimm sein würde“, ist die schwache Hoffnung der Präsidentin, dass einige Reste der Menschheit den Atomkrieg überleben könnten …

Hier ist Follett (wie Stavridis) übrigens nahe bei der US-Militärdoktrin, die ja den Ersteinsatz von Atomwaffen im Programm hat, auf die Führbarkeit eines Atomkriegs setzt, wenn er mit taktischen Waffen auf dem (europäischen) Schlachtfeld stattfindet, und rüstungspolitisch dafür alles in die Wege leitet.

Folletts Roman will natürlich darauf hinaus, dass dies die „letzte Entscheidung“ sein wird, die der Globus in militärischen Dingen erlebt. Trotzdem muss es sein, das erläutert – die Untertanenrolle der modernen Weltbürger ganz kindgemäß ausgestaltend – die Mutter der Tochter.

Es muss sein wegen der nationalen Sache, die hier ganz banal und unaufgeregt als das maßgebliche Interesse festgehalten wird. Dafür, für US-Größe und die Unanfechtbarkeit seiner Militärmacht, würde die Präsidentin es tun – und der Roman zeichnet sie als eine durch und durch sympathische Person, eine Mutter, die Ärger mit der Tochter hat, weil sie kifft, und mit dem Gatten, weil er fremd geht etc. pp.

Bei den Chinesen wird dagegen der komplementäre Vernichtungswille als eine Ausgeburt des ideologischen Fanatismus dargestellt: Der „Kommunismus ist eine heilige Mission“ (Follett, S. 841), sagt der Altfunktionär, dafür seien alle Mittel recht.

Wenn der Roman Realismus bieten wollte, hätte er zumindest die triviale Wahrheit bemühen können, dass auch auf der anderen Seite die Nation als Höchstwert feststeht, für den Menschenleben zu opfern sind.

Lernziel 3: Vertrauenswerbung für „unsere“ Führer. Never ist eine Reinwaschung der Politik – wie Stavridis‘ Roman eine Reinwaschung des Militärs –, und zwar im Angesicht des Weltuntergangs, den sie herbeiführt. Das ist schon eine stramme Leistung. Sie soll dem Publikum einleuchten, weil beide Seite in ähnlicher Weise (aber nicht moralisch gleich) als Exekutoren einer Zwangslage gezeichnet werden.

Dass beide in Konkurrenz zueinander stehen, ist halt so – siehe die Tigerfabel – und bedarf keiner Erklärung. Bei beiden kann man dann Gemäßigte und Scharfmacher ausmachen, in den USA den populistischen Konkurrenten der amtierenden Präsidentin, der Atomwaffen am liebsten sofort einsetzen würde, bei den Chinesen die kommunistische Betonfraktion, der die Reformer hilflos gegenüberstehen.

Bezeichnend, dass in den USA ausgerechnet die gemäßigte Präsidentin auf den Knopf drückt und nicht der populistische Scharfmacher! Das ist wohl ein didaktischer Zug des Romans – der aus europäischem Blickwinkel, aber nicht antiamerikanisch geschrieben ist.

Dass unsere westlichen Staatenlenker und -lenkerinnen – d.h. die Figuren, die im Fall des Falles den Weltuntergang herbeiführen – Vertrauen verdienen, ist deren Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme geschuldet.

Und das nicht gewollte, aber von ihnen mit vollem Bewusstsein herbeigeführte Resultat dokumentiert nur die Konsequenz einer achtlosen Haltung, die wir alle, du und ich, Macron und Johnson, an den Tag legen, wenn wir Konflikte zuspitzen, statt miteinander im Gespräch zu bleiben.

Denn wer hat eigentlich die Macht? Wir alle! So führt es der Roma in einer „reflexiven“ Passage aus (Follett, S. 724f). Wenn wir alle uns nicht genügend engagieren, wenn wir eine gemäßigte Politik, wie sie von der US-Präsidentin Greene repräsentiert wird (übrigens, so viel Verfremdung muss sein, eine Republikanerin), nicht stark machen, kommt es noch zum Schlimmsten.

Wir alle sollten uns also bemühen, dass man mehr miteinander redet. Das gilt im Alltag und auch für unsere Politiker. Solange geredet wird, schießt man nicht usw.

Wie begegnet man also der Kriegsgefahr? Dadurch dass man der Politik rät, die Eskalation zu unterlassen und beim diplomatischen Verkehr zu bleiben.

Volk mit Führung versöhnt

Alles in allem ist das eine Vertrauenswerbung härtesten Kalibers für die politische Klasse – sofern diese nicht populistischen Anwandlungen unterliegt oder überhaupt im falschen Lager steht. Sowas geht natürlich nur, weil das einschlägige Unterhaltungswesen mit soliden Feindbildern unterfüttert ist.

Zwar wird auch bei fanatischen Islamisten, imperialistischen Russen oder überheblichen Chinesen hier und da differenziert. Da gibt es in Peking ebenfalls Falken und Tauben, aufgeschlossene Reformer und eine unbelehrbare Altherrenriege an der Macht. Stavridis schafft es sogar in der atomaren Apokalypse ein gewisses völkerverbindendes Soldatenschicksal auszumachen.

Aber letztlich ist klar, auf wessen Konto das Unheil geht: Es sind die Chinesen. Bill Clinton hat es in seiner neuen Koproduktion mit James Patterson The President’s Daughter (2021) auf den Punkt gebracht. Hatte noch sein erster Roman The President is Missing (2018 – siehe „Politainment in der Trump-Ära„) alle Schuld der russischen Seite zugeschoben, ist es jetzt der Chinese, der als Übeltäter auf dem Globus agiert und die verhängnisvolle Eskalationsdynamik auslöst.


Bill Clinton, James Patterson
Die Tochter des Präsidenten

560 Seiten, 23,00 €
ISBN: 978-3749902507


Clinton hat mit seinem neuen Buch allerdings keinen welt-, sondern einen innenpolitischen Thriller geliefert, die Leiden eines abgehalfterten US-Präsidenten betreffend, dessen Tochter von Terroristen entführt wird.

Nur wird in diese Story das Wirken der US-feindlichen ausländischen Kräfte verwoben, das wie bei Follett, der ebenfalls militärische Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent als Ausgangspunkt wählt, aus einer (rüstungspolitischen) Allianz von islamistischen Terroristen und Chinesen hervorgeht.

Bei Stavridis sind die Dschihadisten dagegen durch reguläre iranische Soldaten ersetzt – während im Hintergrund der gnadenlos imperiale Russe auf seinem eigenen Schlachtfeld wütet.

Diese Allianz könnte man als bizarren Romaneinfall durchgehen lassen. Aber er verweist natürlich auf das feststehende antichinesische Feindbild. Bei Clinton wird es besonders perfide eingesetzt, denn passagenweise werden Motive für die abgrundtiefe Bösartigkeit der Feinde Amerikas angedeutet.

So haben der chinesische Diplomat wie der dschihadistische Kämpfer Familienangehörige durch Angriffe des US-Militärs verloren, scheinen insofern berechtigte Klagen vorzubringen.

Es scheint aber nur so, beide werden desavouiert. Bei ihnen herrschen blinde Rachebedürfnisse, während der Romanheld, der Ex-Präsident, wenn er sich als Rambo zu einer illegalen Rettungsaktion für seine entführte Tochter aufmacht, nur einem allzu menschlichen Verlangen nach Vergeltung folgt.

Ein historischer Treppenwitz ist in dem Kontext die Aufklärung, die Clinton für die Bombardierung der chinesischen Botschaft 1999 im Kosovokrieg nachreicht. Bei dem Überfall der Nato-Staaten auf Serbien, den Kanzler Schröder später selbst als völkerrechtswidrig bezeichnete, war angeblich irrtümlicherweise in Belgrad die chinesische Botschaft statt einem jugoslawischen Bundesamt für Versorgung getroffen worden.

Auf die rasche Entschuldigung des US-Präsidenten Bill Clinton reagierte die chinesische Regierung mit Empörung und Skepsis. Sie verlangte eine sofortige Untersuchung und Aufklärung der Tatbestände.

Wikipedia

In seinem Roman macht Clinton dem Publikum jetzt weis, die Bombardierung sei gezielt erfolgt, da die Chinesen im Keller ihrer Botschaft einer serbischen Kommandozentrale Unterschlupf gewährten. Genauer gesagt: Dies wird in dem Roman als eine Enthüllung der chinesischen Seite vorgetragen.

Der übereifrige chinesische Diplomat wird von seinen eigenen Vorgesetzten kaltgestellt, weil sie ihre Vorwürfe an die Adresse der USA nicht aufrechterhalten können.

Perfide in dieser Hinsicht auch der Einfall von Follett (wie von Clinton/Patterson), eine Kumpanei zwischen Chinesen bzw. den zwischengeschalteten Nordkoreanern auf der einen Seite und Dschihadisten auf der andern zu erfinden, um damit die Eskalationsspirale beginnen lassen.

Gerade ein US-Präsident wie Clinton dürfte bestens darüber Bescheid wissen, wie die USA in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts den militanten Dschihadismus aufbauten und ausstatteten, um ihn in Afghanistan oder auf dem Balkan gegen die jeweils ins Auge gefassten Gegner (Sujetunion, Serbien) einzusetzen – und ihn auch heute noch in Syrien oder Libyen, wie es passt, mal zu benutzen, mal fallen zu lassen.

Die Proliferation von Waffen und die Ermutigung der islamistischen Kämpfer zu Terroranschlägen als Werk einer chinesisch-nordkoreanischen Kungelei hinzustellen, ist letztlich nicht mehr als die romanhafte Bebilderung der offiziellen US-Verschwörungstheorie, God’s own country sei von einer „Achse des Bösen“ bedroht.

Die Lektion vermitteln die einschlägigen Politthriller ihrem Publikum an erster Stelle: Wir im Westen sind die Guten. Das gilt, auch wenn „unsere“ Leute den Weltuntergang herbeiführen, denn sie können nicht anders; sie werden durch die Machenschaften der Bösen, die die US-Weltherrschaft zu untergraben versuchen, in eine Eskalationsspirale gedrängt.

Dem kann man nur dadurch entgehen, dass westliche Politiker frühzeitig dem Gegner seine Grenzen aufzeigen, ihm die Aussichtslosigkeit seiner expansiven Bestrebungen auf dem Globus deutlich machen und die bewaffneten Desperados, die im Windschatten der Großmachtkonkurrenz unterwegs sind, gnadenlos ausrotten.

Wie das geht? Clintons Roman weiß den Ausweg: Am Schluss beschließt der zum Rambo verklärte Ex-Präsident – bei dem man natürlich als Erstes an den Autor selbst zu denken hat –, erneut für das höchste Amt zu kandidieren.

Hier hat man eine westliche Idealfigur vor sich, einen Politiker mit soldatischer Vergangenheit, der im Fall des Falles selbst zur Waffe greift. Rücksichtslosigkeit wird nämlich gebraucht, Fingerspitzengefühl aber auch, so die europäische Weisheit, die Follett beisteuert.

Fazit: Mit diesem Vertrauensbeweis für „unsere“ Politiker wird die drohende atomare Apokalypse zum reinsten Lesevergnügen.

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  1. Ein Gedicht von Eugen Rroth bringt es ohne schwafeln auf den Punkt.

    Ein Mensch hält Krieg und Not und Graus,
    kurzum, ein Hundeleben aus,
    und all das, sagt er, soll man verhindern,
    dass Gleiches drohe seinen Kindern.
    Besagte Kinder werden später
    erwachsene Menschen, selber Väter
    und halten Krieg und Not und Graus …..
    Wer denken kann, der lernt daraus.

Vivaldi